Der Sprung ins kalte Wasser
Als ich mich vor einigen Jahren selbständig gemacht habe, hatte ich eine abgeschlossene Ausbildung, viel Motivation – und erstaunlich wenig Ahnung davon, was es bedeutet, eine eigene Praxis zu führen. Die therapeutische Arbeit selbst war das, worauf ich vorbereitet war. Alles andere? Learning by doing. Hier sind sieben Dinge, die ich gerne früher gewusst hätte.
1. Die ersten Monate sind leise – und das ist normal
Ich erinnere mich noch gut an die ersten Wochen: Der Praxisraum war eingerichtet, die Website stand, die Visitenkarten lagen bereit. Und dann passierte – wenig. Zwei, drei Anfragen pro Woche, viel Leerlauf dazwischen. Was ich nicht wusste: Das ist völlig normal. Eine volle Praxis baut sich nicht über Nacht auf, sondern über Monate. Der Fehler, den viele machen (ich eingeschlossen): sich in der Stille verunsichern lassen, statt die Zeit produktiv zu nutzen – für Weiterbildung, Netzwerken oder die eigene Online-Präsenz.
2. Online-Sichtbarkeit ist kein Luxus, sondern Grundlage
Ich dachte anfangs, eine kleine Website reicht und der Rest kommt von selbst. Falsch gedacht. PatientInnen suchen heute online – auf Google, auf spezialisierten Plattformen, in sozialen Medien. Wer dort nicht sichtbar ist, existiert für viele schlicht nicht. Ein professionelles Profil auf einer Gesundheitsplattform, eine gepflegte Website und eventuell ein Google-Unternehmensprofil sind keine optionalen Extras, sondern das Fundament der Praxisauslastung.
3. Buchhaltung und Steuern sind machbar – aber unterschätze sie nicht
Die gute Nachricht: Als TherapeutIn in Österreich beginnt man meist als EinzelunternehmerIn, und die steuerlichen Pflichten sind überschaubar. Die schlechte Nachricht: „Überschaubar" heißt nicht „unwichtig". Einnahmen-Ausgaben-Rechnung, Umsatzsteuerbefreiung (ja, viele therapeutische Leistungen sind umsatzsteuerbefreit), Sozialversicherung bei der SVS – das muss von Anfang an sauber aufgesetzt werden. Mein Tipp: Investieren Sie in eine gute Steuerberatung, zumindest für das erste Jahr. Es spart langfristig Geld und Nerven.
4. KlientInnen kommen durch Vertrauen, nicht durch Werbung
Die meisten meiner KlientInnen kamen über Empfehlungen – von anderen TherapeutInnen, von HausärztInnen, von zufriedenen PatientInnen. Das heißt nicht, dass Marketing unwichtig ist, aber das beste Marketing ist exzellente Arbeit und ein gutes Netzwerk. Pflegen Sie Kontakte zu KollegInnen, melden Sie sich bei ZuweiserInnen, besuchen Sie Intervisionsgruppen. In der Selbständigkeit ist Vernetzung keine nette Ergänzung, sondern überlebenswichtig.
5. Supervision ist nicht optional
In der Ausbildung war Supervision selbstverständlich. In der Selbständigkeit? Wird von manchen als Kostenfaktor gesehen und gestrichen. Ein großer Fehler. Supervision schützt nicht nur Ihre KlientInnen, sondern auch Sie selbst vor Überlastung und blinden Flecken. Suchen Sie sich eine Supervisionsgruppe oder eine Einzelsupervision, die zu Ihnen passt – und nehmen Sie sie regelmäßig wahr. Die Kosten sind als Betriebsausgabe absetzbar.
6. Setzen Sie Grenzen – von Anfang an
Am Anfang sagt man zu allem Ja: Abendtermine um 21 Uhr? Klar. Samstagvormittag? Warum nicht. Rückrufe am Wochenende? Natürlich. Das funktioniert vielleicht drei Monate, dann brennt man aus. Definieren Sie von Beginn an klare Arbeitszeiten, kommunizieren Sie Ihre Erreichbarkeit transparent, und halten Sie sich daran. Ihre KlientInnen werden das respektieren – und Sie werden es brauchen.
7. Selbstfürsorge ist kein Widerspruch zur Professionalität
Wir TherapeutInnen sind gut darin, anderen Menschen zu helfen, ihre Grenzen zu erkennen und auf sich zu achten. Wir sind oft weniger gut darin, das selbst zu tun. Dabei ist Selbstfürsorge kein Luxus, sondern die Grundlage dafür, langfristig gut arbeiten zu können. Sport, Hobbys, Freundschaften, Auszeiten – all das gehört zum Beruf dazu, nicht als Gegensatz, sondern als integraler Bestandteil.